Faulheit: Von einem Verhalten zu einer Denkweise

Unter Faulheit versteht man meist, nicht zu arbeiten, anstehende Aufgaben aufzuschieben oder sich der Verantwortung zu entziehen. Doch das sind nur ihre sichtbaren Erscheinungsformen. Die eigentliche Faulheit besteht darin, nicht zu handeln, obwohl man handeln könnte, nicht nachzudenken, obwohl man es könnte, und sich mit dem Konsumieren zufriedenzugeben, obwohl man selbst etwas schaffen könnte. Deshalb ist Faulheit ein Problem, das über ein vorübergehendes Verhalten hinausgehen und mit der Zeit den Charakter eines Menschen, seine Lebensauffassung und sogar die gemeinsame Denkweise einer Gesellschaft prägen kann. Natürlich kann jeder einmal müde oder krank werden oder aus unterschiedlichen Gründen nicht arbeiten können. Das als Faulheit zu bezeichnen, wäre falsch. Faulheit bedeutet, sich das Nichtstun zur Gewohnheit zu machen, die Flucht vor Verantwortung als Lebensweise anzunehmen und sie mit allerlei Ausreden zu rechtfertigen.

Gedanken wie „Es ändert sich ja sowieso nichts“, „Sollen es doch andere machen“, „Warum soll ich mich abmühen, wenn ich mit wenig Einsatz viel verdienen kann?“ oder „Was mir bestimmt ist, wird ohnehin geschehen“ zeigen, dass Faulheit nicht mehr bloß ein Verhalten ist, sondern zu einer Lebensauffassung geworden ist. Genau hier beginnt die eigentliche Gefahr. Denn Verhaltensweisen lassen sich mit der Zeit ändern; solange sich aber die Gedanken und die Denkweise, aus denen sie hervorgehen, nicht ändern, wiederholen sich dieselben Verhaltensweisen. Das führte mir vor Jahren eine kleine Begebenheit in aller Deutlichkeit vor Augen.

In den 1970er-Jahren hatten wir einen unmittelbaren Nachbarn. Jedes Jahr im August fuhr er mit seiner Frau zur Haselnussernte in zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometer entfernte Gärten, dicht gedrängt auf der Ladefläche eines Lastwagens. Trotzdem kam er nicht zu mir zum Arbeiten. Eines Tages fragte ich ihn nach dem Grund:

„Du fährst jeden Tag diesen weiten Weg hin und zurück. Dabei bin ich doch ganz in deiner Nähe. Außerdem gebe ich den Leuten, die bei mir arbeiten, Tee und auch etwas zu essen. Warum kommst du nicht zu mir?“ Ohne zu zögern antwortete er: „Verehrter Herr, wenn ich zu dir komme, muss ich arbeiten. Wenn ich arbeite, bin ich der Leidtragende; wenn ich nicht arbeite, bist du es.“ Als ich fragte: „Arbeitest du denn dort nicht?“, sagte er lächelnd: „Ich arbeite nicht viel; ich vertreibe mir die Zeit. Und das gefällt mir.“ Diese Antwort erinnerte mich an einen arabischen Spruch, den ich Jahre zuvor gehört hatte: „İnne’l-kesel, inne’l-kesel kad kâne ahlâ mine’l-asel.“ Das heißt: „Wahrlich, die Faulheit, ja, die Faulheit ist süßer als Honig.“

Tatsächlich bietet Faulheit dem Menschen auf den ersten Blick Ruhe und Bequemlichkeit. Wer der mit der Arbeit verbundenen Ermüdung ausweicht, empfindet kurzfristig Erleichterung. Doch diese Bequemlichkeit kann mit der Zeit zur Lebensweise werden. Wer die Arbeit scheut, scheut nach einer Weile auch davor zurück, Verantwortung zu übernehmen. Später beginnt er, dem Nachdenken, dem Lernen und dem schöpferischen Tun auszuweichen. So hört Faulheit auf, bloß ein Verhalten zu sein, und wird zur Denkweise. Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass der Mensch diesen Zustand für normal zu halten beginnt. Sobald er seine eigenen Unzulänglichkeiten nicht mehr hinterfragt, verspürt er auch kein Bedürfnis mehr, sich zu ändern. Dann wird Faulheit zu einer Gewohnheit, die seinen Willen unmerklich in Beschlag nimmt. Diese Haltung ist nicht neu. Schon vor etwa einem Jahrhundert machte Mehmet Âkif auf dasselbe Problem aufmerksam; besonders scharf kritisierte er, dass religiöse Begriffe falsch ausgelegt und als Ausrede für Faulheit benutzt wurden:

„So oft die Scharia dir sagte: ‚Arbeite!‘, hast du nicht gearbeitet, bist untätig geblieben;
In ihrem Namen hast du allerlei Aberglauben erfunden!
Schließlich hast du auch noch das Gottvertrauen hineingemogelt
Und damit die arme Religion zum Gespött gemacht!“

Âkifs Kritik richtet sich nicht gegen Menschen, die nicht arbeiten können. Ein Mensch kann zeitweise kraftlos sein, nur begrenzte Möglichkeiten haben oder aus verschiedenen Gründen den gewünschten Erfolg nicht erreichen. Das sind natürliche Gegebenheiten des Lebens. Wogegen er sich wendet, ist die Haltung, das Nichtstun hinter religiösen Begriffen zu verstecken und damit zu rechtfertigen. Falsch ist die Denkweise, Gottvertrauen an die Stelle der Arbeit zu setzen und das Schicksal als Vorwand zu benutzen, um sich der Verantwortung zu entziehen. Denn Gottvertrauen bedeutet nicht, untätig dazusitzen oder die eigene Pflicht nicht zu erfüllen, sondern sein Möglichstes zu tun und das Ergebnis anschließend Allah zu überlassen.

Es stimmt nachdenklich, dass dasselbe Problem auch nach etwa hundert Jahren in unterschiedlichen Formen fortbesteht. Noch heute sucht man nach Wegen, ohne Arbeit reich zu werden, ohne zu lesen Wissen zu erwerben, ohne nachzudenken Ideen zu entwickeln und ohne Anstrengung erfolgreich zu sein. Die Technik hat sich weiterentwickelt, die Lebensbedingungen haben sich verändert, die Möglichkeiten sind vielfältiger geworden; doch der Wunsch nach leichtem Gewinn und die Erwartung mühelosen Erfolgs sind geblieben. Hinzu kommt, dass heute neue Formen der Faulheit entstanden sind. Statt zu recherchieren, um an Wissen zu gelangen, konsumiert der Mensch fertig aufbereitete Informationen; statt nachzudenken, wiederholt er die Gedanken anderer; statt selbst etwas zu schaffen, zieht er es vor zu konsumieren. Während die Technik manche Arbeiten erleichtert, birgt sie zugleich die Gefahr, die geistige und körperliche Anstrengung des Menschen zu verringern und ihn dadurch passiv werden zu lassen.

Zur Verbreitung dieser Haltung trägt auch der Hedonismus wesentlich bei, eine Lebensphilosophie, die Lust und Vergnügen in den Mittelpunkt stellt. Je mehr Menschen den Hedonismus über verschiedene Informations- und Kommunikationsmittel kennenlernten, desto stärker begannen sie, den Sinn des Lebens im Genuss und in der Befriedigung ihrer Wünsche zu sehen. Mit dem Gedanken „Lebe ich etwa noch ein zweites Mal?“ entschieden sie sich dafür, im Augenblick zu leben, ihren Wünschen zu folgen und ihre Genüsse nicht aufzuschieben. Doch die großen Denker, Wissenschaftler und weisen Persönlichkeiten, die der Menschheitsgeschichte ihre Richtung gaben, sahen im Leben mehr als nur persönliche Vergnügungen.

Statt flüchtigen Genüssen nachzujagen, entschieden sie sich dafür, zu arbeiten, zu forschen, zu lernen, etwas zu schaffen und häufig auch Schwierigkeiten zu ertragen. Um Wissen zu erlangen, die Wahrheit zu entdecken und Werke zu hinterlassen, die der Menschheit nützen, verzichteten sie auf Bequemlichkeit, opferten ihre Zeit und stellten mitunter ihre persönlichen Wünsche zurück. Denn sie fanden den Sinn des Lebens nicht allein im Genuss, sondern darin, Werte zu schaffen und einen bleibenden Beitrag für die Menschheit zu leisten. Hätten auch diese Persönlichkeiten, die der Menschheitsgeschichte ihre Richtung gaben, ihr Leben nach einer auf Lust und Vergnügen ausgerichteten Auffassung geführt, hätten Wissenschaft, Denken, Kunst und Zivilisation ihren heutigen Entwicklungsstand nicht erreicht. Denn was die Menschheit voranbringt, ist nicht das Streben nach Genuss, sondern die Bereitschaft, sich anzustrengen, Schwierigkeiten zu ertragen und der Zukunft etwas Wertvolles zu hinterlassen. Doch warum wird der Mensch faul?

Meist wird der Mensch nicht deshalb faul, weil er müde ist, sondern weil er seine Bequemlichkeit nicht aufgeben will, das Scheitern fürchtet, Verantwortung scheut oder den Sinn seiner Arbeit verloren hat. Gedanken wie „Ich schaffe das nicht“, „Was soll das bringen?“ oder „Was wird meine Anstrengung schon ändern?“ schwächen mit der Zeit seine Bereitschaft, sich zu bemühen. Deshalb ist Faulheit häufig kein Problem des Körpers, sondern des Willens und der Gedankenwelt. Vor diesem Hintergrund wird auch deutlich, warum der Koran die Arbeit und die Verantwortung des Menschen so betont. Der Koran betrachtet den Menschen nicht als passives Wesen, das dem Lauf des Lebens überlassen ist. Vielmehr sieht er in ihm ein Wesen, das nachdenkt, Entscheidungen trifft, sich bemüht und für sein Handeln verantwortlich ist. So heißt es im Koran: „Dem Menschen steht nur der Lohn für seine eigene Arbeit zu.“ [1]

Dieser Vers macht deutlich, wie wichtig die eigene Anstrengung und Verantwortung des Menschen sind. Der Mensch sollte sich nicht mit bloßen Wünschen oder den Bemühungen anderer begnügen, sondern sich darum bemühen, die ihm gegebenen Möglichkeiten zu nutzen. Ebenso macht der Koran mit den Worten „Wahrlich, Allah ändert den Zustand einer Gemeinschaft nicht, solange sie nicht ändert, was in ihr selbst ist.“ [2] darauf aufmerksam, dass Veränderung beim Menschen selbst beginnen muss. Dieser Vers regt nicht nur zum Nachdenken über den Wandel von Gesellschaften an, sondern auch darüber, wie der Mensch sein eigenes Leben verändert. Denn ohne seine Gedanken, Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu ändern, kann er kein anderes Ergebnis erzielen.

Zu den wichtigsten Werten, die der Faulheit entgegenstehen, gehört das Verantwortungsbewusstsein. Den einem gegebenen Verstand nicht zu gebrauchen, Unwissenheit vorzuziehen, obwohl man lernen könnte, und sich mit bloßem Konsum zu begnügen, obwohl man selbst etwas schaffen könnte, bedeutet, die eigenen Möglichkeiten zu vergeuden. So weist der Koran auch auf die Verantwortung des Menschen hin, die Erde zu gestalten und zu kultivieren, und überliefert folgende Worte des Propheten Salih an sein Volk Semûd: „O mein Volk! Dient Allah. Ihr habt keinen anderen Gott außer Ihm. Er ist es, der euch aus der Erde erschaffen hat und wünscht, dass ihr sie gestaltet und kultiviert.“ [3]

Der Mensch ist nicht nur dazu da, zu leben und zu konsumieren, sondern auch dazu, einen Beitrag zu der Welt zu leisten, in der er lebt, sie weiterzuentwickeln und zu verschönern. Hier stellt sich eine weitere Frage, über die muslimische Gesellschaften nachdenken sollten. Es ist leicht, stolz auf das Erbe der islamischen Welt zu sein, die in der Vergangenheit bedeutende Werke auf den Gebieten des Wissens, des Denkens, der Kunst und der Zivilisation hervorgebracht hat. Doch worauf es wirklich ankommt, ist, jene Arbeitsethik und jenen Willen zum Schaffen wiederzugewinnen, aus denen diese Werke hervorgingen. Zivilisationen entstehen nicht allein durch reiche Ressourcen oder fortschrittliche Technik. Hinter ihnen stehen Menschen, die arbeiten, forschen, lernen, etwas schaffen und Verantwortung übernehmen. Wenn dieser Menschentyp, der sich bemüht und arbeitet, an Bedeutung verliert, reichen auch die vorhandenen materiellen Möglichkeiten allein nicht aus. Ich denke, es genügt hier, an den einst häufig gebrauchten Spruch zu erinnern: „Das Wasser fließt, der Türke schaut zu.“

Was wir heute brauchen, ist deshalb mehr als die bloße Aufforderung: „Arbeitet mehr.“ Wir brauchen vor allem eine Denkweise, die Arbeit als wertvoll, schöpferisches Tun als sinnvoll und die Übernahme von Verantwortung als notwendig betrachtet. Denn Faulheit lässt nicht nur die Hände, sondern auch den Geist untätig bleiben.

Faulheit bedeutet also nicht bloß, nicht zu arbeiten oder eine Aufgabe aufzuschieben. Im tieferen Sinne besteht sie darin, dass der Mensch die ihm gegebenen Möglichkeiten nicht nutzt, sich seiner Verantwortung entzieht und sein Potenzial brachliegen lässt. Deshalb ist Faulheit vor allem ein Problem der Denkweise. Wenn ein Mensch nicht handelt, obwohl er handeln könnte, nicht nachdenkt, obwohl er dazu imstande wäre, nicht lernt, obwohl er lernen könnte, und nur konsumiert, obwohl er selbst etwas schaffen könnte, dann muss man hier nicht mehr von gewöhnlicher Faulheit sprechen, sondern von einer Lebensauffassung und einer Denkweise.

Das Menschenbild des Korans ist das genaue Gegenteil: ein Mensch, der nachdenkt, arbeitet, Verantwortung übernimmt, etwas schafft und die Erde gestaltet und kultiviert. Deshalb lässt sich Faulheit nicht allein dadurch überwinden, dass man die Menschen auffordert, mehr zu arbeiten. Entscheidend ist vielmehr, eine Denkweise zu entwickeln, die Arbeit als einen Wert, schöpferisches Tun als eine Verantwortung und Anstrengung als eine Tugend begreift. Denn wirklicher Wandel beginnt mit kultureller Entwicklung; diese wiederum trägt zur Herausbildung der Denkweise bei. Ändert sich also die Denkweise, verändert sich der Mensch, und verändert sich der Mensch, verändert sich die Gesellschaft. Dieser gesellschaftliche Wandel wiederum ermöglicht die Weiterentwicklung der Kultur und den Aufbau einer Zivilisation.

Fußnoten

[1] Necm, 53/39.

[2] Ra‘d, 13/11.

[3] Hûd, 11/61.

Prof. Dr. Celal Kırca

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