
Der Glaube ist nicht bloß ein mit der Zunge ausgesprochenes Wort. Er ist eine Überzeugung, die im Herzen des Menschen Wurzeln schlägt, mit dem Verstand erfasst wird, sein Verhalten lenkt und sich in allen Bereichen seines Lebens widerspiegelt. Deshalb ist es von großer Bedeutung, den Glauben richtig zu verstehen, zu bewahren und im Leben umzusetzen.
So wie ein Vogel zum Fliegen zwei gesunde Flügel braucht, müssen auch im religiösen Leben eines Gläubigen einander ergänzende Grundsätze und Werte im Gleichgewicht stehen. Wird dieses Gleichgewicht gestört, entstehen Mängel im religiösen Verständnis und in der Lebensführung des Menschen.
Allah, der Erhabene, spricht:
„Zu Ihm steigen nur gute Worte empor. Die rechtschaffene Tat ist es, die sie zu Allah gelangen lässt.“ (Fâtır, 35/10)
Dieser Vers macht auf den Zusammenhang zwischen dem guten Wort und der rechtschaffenen Tat aufmerksam. Der Glaube verlangt ein Lebensverständnis, in dem die Verbindung zwischen Wort und Verhalten nicht zerrissen wird. Der Gläubige sollte seinen Glauben daher nicht auf mündliche Bekenntnisse beschränken, sondern sich auch darum bemühen, den Verpflichtungen nachzukommen, die seine Überzeugung mit sich bringt.
Um das religiöse Leben auf gesunde Weise zu führen, braucht es neben fundiertem Wissen auch eine aufrichtige Verbundenheit des Herzens. Gefühle, die nicht auf Wissen gründen, können auf Irrwege führen. Ebenso kann Wissen, das sich nicht im Verhalten und in der sittlichen Haltung niederschlägt, im Leben eines Menschen nicht die erhoffte Wirkung entfalten. Der Gläubige sollte seine Religion aus zuverlässigen Quellen erlernen, das Gelernte von Herzen annehmen und in seinem Leben umsetzen.
Der Koran betont den Wert des Wissens mit diesen Worten:
قُلْ هَلْ يَسْتَوِي الَّذِينَ يَعْلَمُونَ وَالَّذِينَ لَا يَعْلَمُونَ
„Sprich: Sind denn diejenigen, die wissen, und diejenigen, die nicht wissen, einander gleich?“ (Zümer, 39/9)
Doch dieses Wissen muss im Herzen Widerhall finden:
إِنَّمَا يَخْشَى اللَّهَ مِنْ عِبَادِهِ الْعُلَمَاءُ
„Unter Seinen Dienern fürchten allein die Gelehrten Allah im wahren Sinne.“ (Fâtır, 35/28)
Diese Verse zeigen, dass Wissen im Herzen zu Ehrfurcht werden muss. Bringt das Wissen seinen Träger Allah nicht näher, hat es seine eigentliche Aufgabe nicht erfüllt.
Der Gläubige weiß, dass das Leben aus Gaben und Prüfungen besteht. Schwierigkeiten begegnet er mit Geduld, Gaben mit Dankbarkeit. Geduld bedeutet, sich angesichts von Unglück nicht aufzulehnen und am rechten Handeln festzuhalten. Dankbarkeit bedeutet, zu wissen, dass die Gabe von Allah kommt, Ihn zu loben und die Gabe auf erlaubte Weise zu nutzen. Beide Haltungen sind wichtige Ausdrucksformen des Bewusstseins, Allah zu dienen.
Unser Prophet (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) beschreibt diese Haltung so:
„Wie erstaunlich ist doch die Lage des Gläubigen! Jede seiner Lebenslagen ist gut für ihn. Das gilt für niemanden außer dem Gläubigen. Widerfährt ihm etwas Erfreuliches, ist er dankbar, und das ist gut für ihn. Trifft ihn ein Schaden, ist er geduldig, und auch das ist gut für ihn.“ (Müslim, Zühd, 64)
Der Gläubige gewinnt sowohl durch Gaben als auch durch Prüfungen, denn in beiden Fällen hat er die richtige Haltung gefunden.
Während der Gläubige auf Allahs Barmherzigkeit hofft, nimmt er zugleich Seine Gebote und Verbote ernst. Er nimmt Sünden nicht auf die leichte Schulter, als sei er vor Allahs Strafe sicher; ebenso wenig verliert er die Hoffnung auf Seine Barmherzigkeit und verfällt der Verzweiflung. Die Furcht führt den Menschen zu Verantwortungsbewusstsein, die Hoffnung ermutigt ihn zur Reue und zu guten Taten. Diese beiden Empfindungen tragen dazu bei, das religiöse Leben im Gleichgewicht zu halten.
Der Koran stellt dieses Gleichgewicht innerhalb derselben Ansprache her:
نَبِّئْ عِبَادِي أَنِّي أَنَا الْغَفُورُ الرَّحِيمُ وَأَنَّ عَذَابِي هُوَ الْعَذَابُ الْأَلِيمُ
„Verkünde Meinen Dienern, dass Ich voller Vergebung und Barmherzigkeit bin; Meine Strafe aber ist eine schmerzhafte Strafe.“ (Hicr, 15/49-50)
Barmherzigkeit und Strafe werden gemeinsam genannt. So soll uns weder die Weite der Barmherzigkeit zur Nachlässigkeit noch die Härte der Strafe zur Hoffnungslosigkeit verleiten.
Das Wissen um die Weite von Allahs Barmherzigkeit darf uns im Umgang mit Sünden nicht nachlässig machen, und das Wissen um die Härte Seiner Strafe darf uns nicht in Hoffnungslosigkeit stürzen. Der Gläubige sollte im Vertrauen auf Allahs Barmherzigkeit voller Hoffnung sein und sich im Gedenken an Seine Strafe vor Sünden hüten.
Gottvertrauen bedeutet nicht, die verfügbaren Mittel ungenutzt zu lassen oder sich seinen Verpflichtungen zu entziehen. Der Gläubige erfüllt seine Aufgaben, trifft die nötigen Vorkehrungen und überlässt das Ergebnis Allah. Während er seinen Verpflichtungen im diesseitigen Leben nachkommt, verliert er dabei auch das Jenseits nicht aus dem Blick. Die gebotenen Vorkehrungen zu treffen, widerspricht dem Gottvertrauen nicht, sondern gehört zu seinem richtigen Verständnis.
Als ein Mann fragte: „Soll ich das Kamel anbinden und auf Allah vertrauen, oder soll ich es frei laufen lassen und auf Allah vertrauen?“, antwortete unser Prophet (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden):
„Binde es zuerst an und vertraue dann auf Allah.“ (Tirmizî, Kıyâme, 60)
Auch im Koran ist die Reihenfolge keine andere:
فَإِذَا عَزَمْتَ فَتَوَكَّلْ عَلَى اللَّهِ
„Wenn du eine Entscheidung getroffen hast, dann vertraue auf Allah und stütze dich auf Ihn.“ (Âl-i İmrân, 3/159)
Im Vers stehen zuerst Entschlossenheit und Entscheidung, danach das Gottvertrauen.
Das Bittgebet drückt aus, dass sich der Diener Allah zuwendet und Seiner bedarf. Die rechtschaffene Tat wiederum ist der Ausdruck dieses Bewusstseins im Handeln. Der Gläubige begnügt sich weder allein mit dem Bittgebet noch vertraut er allein auf seine eigene Anstrengung. Er tut seinen Teil und bittet zugleich Allah um Hilfe und Gelingen.
Allah, der Erhabene, spricht:
قُلْ مَا يَعْبَأُ بِكُمْ رَبِّي لَوْلَا دُعَاؤُكُمْ
„Sprich: Warum sollte mein Herr euch Wert beimessen, wenn euer Bittgebet nicht wäre!“ (Furkân, 25/77)
Dieser Vers macht auf die Beziehung zwischen Bittgebet und dem Dienst an Allah aufmerksam. Im Leben des Gläubigen ist das Bittgebet Ausdruck des beständigen Bewusstseins, Allah zu dienen. Auch unser Prophet (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) sagte: „Das Bittgebet ist der Gottesdienst selbst.“ (Tirmizî, Daavât, 1)
Allah, der Erhabene, ermutigt Seine Diener mit diesen Worten zum Bittgebet:
وَقَالَ رَبُّكُمُ ادْعُونِي أَسْتَجِبْ لَكُمْ
„Euer Herr sprach: Betet zu Mir, damit Ich euch antworte.“ (Mü’min, 40/60)
Das Bekenntnis zur Einheit Allahs enthält zugleich eine Verneinung, die besagt, dass es keine Gottheit außer Allah gibt, und eine Bejahung, die erklärt, dass Göttlichkeit allein Allah zukommt. Die Worte „Lâ ilâhe illallah“ bringen zum Ausdruck, dass falsche Gottheiten zurückgewiesen werden und allein Allah als Gott anerkannt wird. Deshalb ist das Bekenntnis zur Einheit Allahs nicht bloß ein ausgesprochener Satz, sondern der grundlegende Maßstab, der die Überzeugung, den Dienst an Allah und das Lebensverständnis des Menschen prägt.
Der Koran vereint diese beiden Seiten in einem einzigen Satz:
فَمَنْ يَكْفُرْ بِالطَّاغُوتِ وَيُؤْمِنْ بِاللَّهِ فَقَدِ اسْتَمْسَكَ بِالْعُرْوَةِ الْوُثْقَى
„Wer nun den Taghut zurückweist und an Allah glaubt, hat einen festen Halt ergriffen, der unmöglich zerreißen kann. Allah ist hörend und wissend.“ (Bakara, 2/256)
Weder die Verneinung allein noch die Bejahung allein vollendet das Bekenntnis zur Einheit Allahs; der feste Halt wird durch das Zusammenwirken beider ergriffen.
Der Glaube darf nicht auf unbelegte Behauptungen und grundlose Annahmen reduziert werden. Der Gläubige bemüht sich, die Grundlagen seines Glaubens aus zuverlässigen Quellen zu erlernen, sie zu verstehen und die Wahrheit zu erfassen. Der Koran mahnt zu dieser Sorgfalt mit den Worten:
وَلَا تَقْفُ مَا لَيْسَ لَكَ بِهِ عِلْمٌ
„Gehe nicht dem nach, worüber du kein Wissen hast.“ (İsrâ, 17/36)
Zugleich ist der Gläubige nicht bestrebt, religiöse Wahrheiten nach seinen eigenen Wünschen und Annahmen zu verändern. Hat er die Wahrheit erkannt, kommt er der Verantwortung nach, die ihm daraus erwächst. So wird aus gründlicher Prüfung keine Zweifelsucht und aus Hingabe keine blinde Zustimmung; der Glaube bewahrt sein Gleichgewicht.
Im edlen Koran wird die Haltung der Gläubigen so beschrieben:
سَمِعْنَا وَأَطَعْنَا
„Wir haben gehört und gehorcht.“ (Bakara, 2/285)
Diese Worte sind ein Zeichen bewusster Annahme und der Hingabe an Allah.
Auch die Liebe des Gläubigen und das, wovon er sich fernhält, richten sich nach den Grundsätzen seines Glaubens und seiner sittlichen Haltung. Um Allahs willen zu lieben bedeutet, das zu lieben, woran Allah Wohlgefallen hat. Abneigung um Allahs willen bedeutet dagegen, gegen das Stellung zu beziehen, woran Allah kein Wohlgefallen hat.
Unser Prophet (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) erklärt hierzu:
„Wer um Allahs willen liebt, um Allahs willen Abneigung empfindet, um Allahs willen gibt und um Allahs willen zurückhält, hat seinen Glauben zur Vollendung gebracht.“ (Ebû Dâvûd, Sünnet, 15)
Diese Haltung rechtfertigt jedoch weder, Menschen Unrecht zu tun, noch in der Feindschaft das Maß zu überschreiten oder Unschuldigen Schaden zuzufügen. Der Koran setzt der Abneigung denn auch eine klare Grenze:
وَلَا يَجْرِمَنَّكُمْ شَنَآنُ قَوْمٍ عَلَىٰ أَلَّا تَعْدِلُوا اعْدِلُوا هُوَ أَقْرَبُ لِلتَّقْوَىٰ
„Euer Hass auf eine Gemeinschaft soll euch nicht zur Ungerechtigkeit verleiten. Seid gerecht, das kommt der Gottesfurcht näher.“ (Mâide, 5/8)
Der Hadith benennt die Abneigung als einen Bestandteil des Glaubens, der Vers begrenzt sie durch das Gebot der Gerechtigkeit. Der Gläubige darf auch in seiner Liebe und seinem Widerspruch nicht von der Gerechtigkeit abweichen.
Der Glaube ist ein Bewusstsein der eigenen Dienerschaft gegenüber Allah, das die Gedanken, Gefühle, Absichten und Handlungen des Menschen umfasst. Deshalb ist es ein schwerwiegender Mangel, wenn das religiöse Leben nur noch aus äußeren Formen und Worten besteht und die sittlichen und praktischen Folgen des Glaubens vernachlässigt werden.
Fragen nach dem Wesen des Glaubens sowie nach seiner Zu- und Abnahme müssen jedoch im begrifflichen Rahmen der islamischen systematischen Theologie und Glaubenslehre behandelt werden. Es ist nicht richtig, jedes Fehlverhalten unmittelbar als Fehlen des Glaubens zu deuten. Bei einem Urteil über einen Menschen, der eine Sünde begeht, müssen die religiösen Maßstäbe, die einschlägigen Belege und die Voraussetzungen solcher Urteile beachtet werden.
Die grundlegende Verantwortung des Gläubigen besteht darin, vor jedem Urteil über den Glauben anderer zunächst die eigene Überzeugung durch fundiertes Wissen zu stärken, seine gottesdienstlichen Pflichten zu erfüllen, seinen Charakter zu veredeln und sich darum zu bemühen, sein Leben nach Allahs Wohlgefallen auszurichten.
Allah, der Erhabene, spricht:
يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا آمِنُوا بِاللَّهِ وَرَسُولِهِ
„O ihr, die ihr (nur mit euren Zungen) glaubt! Glaubt (auch mit euren Herzen) an Allah und Seinen Gesandten …“ (Nisâ, 4/136)
Diese Ansprache ist eine wichtige Mahnung, die den Gläubigen die Anforderungen ihres Glaubens in Erinnerung ruft und sie dazu auffordert, ihre Überzeugung, ihre Verbundenheit und ihre Verantwortung zu überprüfen.
Der Gläubige sollte sich daher nicht damit begnügen, seinen Glauben nur im Munde zu führen. Er sollte ihn mit fundiertem Wissen nähren, durch aufrichtige Empfindungen vertiefen, mit Geduld und Dankbarkeit reifen lassen, das Gleichgewicht zwischen Furcht und Hoffnung wahren, die nötigen Vorkehrungen treffen und auf Allah vertrauen und sein Leben im Dienst Allahs durch Bittgebete und rechtschaffene Taten fortführen.
Unseren Glauben nicht auf bloße Worte zu beschränken, unser Wissen durch Taten, unsere Furcht durch Hoffnung und unser Bemühen durch Gottvertrauen zu ergänzen, sollte eines der grundlegenden Ziele unseres Lebens im Dienst Allahs sein.
O Allah! Gewähre uns, Dich in Deinem Wesen, Deinen Eigenschaften und Deinen Handlungen als einzig und unvergleichlich zu erkennen und Dir in Deiner Herrschaft und Deiner Göttlichkeit nichts beizugesellen. Lass die Zustimmung in unseren Herzen zur Gewissheit werden und das Bekenntnis auf unseren Zungen durch Taten bekräftigt werden. Lass die Erkenntnis, die unser Wissen uns vermittelt, zu Ehrfurcht werden.
رَبَّنَا لَا تُزِغْ قُلُوبَنَا بَعْدَ إِذْ هَدَيْتَنَا وَهَبْ لَنَا مِنْ لَدُنْكَ رَحْمَةً إِنَّكَ أَنْتَ الْوَهَّابُ
„Unser Herr! Lass unsere Herzen nicht abirren, nachdem Du uns auf den rechten Weg geführt hast. Schenke uns Barmherzigkeit von Dir. Gewiss, Du bist voller Vergebung.“ (Âl-i İmrân, 3/8)
Kadir Bekil
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